Mittwoch, 26. Dezember 2012

Schlechtes Gewissen bei Hunden oder „Der weiß genau, was er angestellt hat!“



In meinen letzten Blogpostings ging es um unangemessene Trainingsmethoden und um grobes, ineffektives Arbeiten mit dem Hund, unter anderem, weil Hunden von manchen Menschen zu viele Wolfseigenschaften zugesprochen werden (die selbst für Wölfe nicht zutreffend sind!). Heute soll es darum gehen, dass das Zusprechen bestimmter menschlicher Eigenschaften für Hunde in manchen Fällen auch nicht der richtige Weg ist.

Ich möchte einen Überblick über das Thema „Schlechtes Gewissen“ und „Schuldgefühle“ für Missetaten bei Hunden verschaffen und Forschungsergebnisse vorstellen. Ergebnisse wissenschaftlicher Studien sind meiner Meinung nach der beste Weg, emotionalen Themen sachlich zu begegnen.

Viele Menschen sind sich sicher sind, ihr Haustier, insbesondere der Hund, habe ein schlechtes Gewissen, wenn er etwas angestellt hat. Gerade das Thema „schlechtes Gewissen“ führt sehr oft dazu, dass Hundebesitzer, eine bewusste Missetat vermutend, zu Strafmaßnahmen greifen. „Der / die weiß genau, was er/sie angestellt hat!“ – „Das macht er / sie nur aus Protest!“ – „Wenn ich nach Hause komme, hat der Hund ein schlechtes Gewissen, weil er etwas angestellt hat!“. Aber empfinden Hunde tatsächlich Schuld, verfügen Sie über ein „Gewissen“ und Moralvorstellungen?


Die Wissenschaft hat bestätigt, dass Tiere / Hunde zu den so genannten „primären Emotionen“, also Freude, Wut, Angst und Furcht, aber auch zum Empfinden von Schmerzen, Durst, Hunger und sexuell motivierten Gefühlen nachweislich in der Lage sind. Die primären Emotionen sind aus evolutionsbiologischer Sicht für das Überleben notwendig und ermöglichen dem Tier eine Anpassung an soziale-  und Umweltgegebenheiten. Keiner von uns Hundebesitzern würde abstreiten, dass sein Hund Angst empfindet oder Freude zeigen kann. Allerdings werden Theorien erst dann zu Tatsachen, wenn sie wissenschaftlich nachgewiesen werden. Es gibt zahlreiche Veröffentlichungen  zum Thema "primäre Emotionen".
Aktuell findet sehr viel Forschung im Bereich der Kognition bei Tieren statt, hier werden in naher Zukunft bestimmt interessante neue Erkenntnisse auf uns zukommen. Diese Untersuchungen sind sehr begrüßenswert, es bleibt zu hoffen, dass die Ergebnisse für verbesserte Lebensbedingungen bei allen von Menschen gehaltenen Tierarten, also auch (und gerade) für Nutztiere sorgen werden! Diesen werden selbst „primäre“ Emotionen ja leider oft abgesprochen…

„Sekundäre Emotionen“, wie Neid, Stolz, Schuld, Kummer, Scham und Verzweiflung sind bei Tieren nur schwierig direkt und genau zu beobachten, zu messen und entsprechend nachzuweisen. Sie sind definiert als sekundäre Reaktion auf eine grundlegende Emotion bzw. eine Emotion über eine Emotion oder eine emotionale Reaktion auf eigene Gedanken.
Um „sekundäre“ Emotionen empfinden zu können, benötigen Tiere ein gewisses Maß an Selbst“bewusstsein“, Selbstwahrnehmung und eine größere kognitive Komplexität.
Für uns Menschen sind „sekundäre“ Emotionen sozusagen ein Kinderspiel, weil wir mit – im Vergleich zu Tieren – einer hoch leistungsfähigen Großhirnrinde ausgestattet sind, so dass wir unsere Gefühle nicht nur wahrnehmen, sondern sie auch noch im Nachhinein betrachten, bewerten und erklären können. Für Tiere weisen Erkenntnisse darauf hin, dass Emotionen vor allem in der Gegenwart von Bedeutung sind, aber eher nicht im menschlichen Maße im Nachhinein analysiert werden können oder für das Tier hinterher „begründbar“ und reflektiert werden könnten.

Wenn Sie ein wenig Zeit haben, so lohnt sich der folgende TED-Talk von Frans de Waal zum Thema „Moral bei Tieren“ wirklich sehr und könnte Ihre Einstellung vielleicht verändern (Ich kann mich sehr gut im sich ungerecht behandelt fühlendem Kapuzineräffchen wiedererkennen): 

 
Bis jetzt gibt es nur wenig empirische Untersuchungen zum Thema Schuldbewusstsein bei Hunden im Kontext Hund-Mensch (Hecht et. al., 2012).

Im Jahre 1977 untersuchte Vollmer die Reaktion von Hunden auf eine typische Missetat, hier Zerrupfen von Papier, die jedoch in des Hundes Abwesenheit von Menschen verursacht wurde. Dann brachte man den Hund in den Raum mit dem zerschredderten Papier und ließ ihn dort alleine. Im Anschluss untersuchte man das Begrüßungsverhalten, wenn der Besitzer in den Raum zurückkehrte. Hier wurde festgestellt, dass das „schuldbewusste“ Begrüßen lediglich eine konditionierte Reaktion auf das gemeinsame Vorhandensein von zerrupftem Papier und der Rückkehr des Besitzers war.

Morris und Mitarbeiter haben im Jahre 2008 Haustierbesitzer zu sekundären Emotionen befragt. Fast drei Viertel aller befragten Hundebesitzer gaben hierbei an, dass ihre Hunde Schuld empfinden würden („schlechtes Gewissen“). Besitzer anderer Haustierarten konnten „Schuld“ in solch hohen Prozentzahlen bei der von ihnen gehaltenen Tierart nicht erkennen; interessanterweise konnten die nächsthöheren Prozentzahlen bei Pferdebesitzern gefunden werden (36% der Pferdebesitzer sehen Schuldbewusstsein bei ihren Pferden). Scheinbar zeigen vor allem Hunde bestimmte Verhaltensweisen, welche wir Menschen als Schuldbewusstsein interpretieren.

Das Problem hierbei ist, dass Hunde für die Hundebesitzer nicht nur scheinbar „schuldbewusst“ aussehen, sondern dass Menschen dann auch annehmen, die Hunde würden tatsächlich Schuld empfinden, ihre „Missetat“ realisieren können und sich somit bewusst sein, etwas Falsches oder Unangebrachtes getan zu haben, was gegen die Haushaltsregeln verstößt. Dies wiederum beeinflusst natürlich nachhaltig, wie Menschen mit ihren Hunden in solchen Situationen umgehen und auch, welche Erwartungen Hundebesitzer an ihre Hunde haben. Das kann nur unfair ausgehen…


Das Vorhandensein eines Schuldempfindens bei Hunden würde bedingen, dass Hunde bestimmte Taten in einem bestimmten sozialen Kontext analysieren können und sich dann auch entsprechend über die Auswirkungen des eigenen Verhaltens und die Gedankengänge von anderen Lebewesen („Theory of mind“) im Klaren sein müssten. Derartig komplexe Bewusstseinsleistungen und selbstreflexive (im Bezug auf Schuldbewusstsein auch fremdreflexive) Fähigkeiten werden Hunden zum aktuellen Zeitpunkt noch nicht uneingeschränkt zugesprochen bzw. konnten im Bezug auf Schuldbewusstsein noch nicht nachgewiesen werden. Andersherum gedacht: dann müssten Hunde ja auch lügen können, denn weshalb sollte man Schuld eingestehen, die mit ziemlicher Sicherheit zu einer Bestrafung führt?

Hunde, die „schuldbewusst“ wirken, vermeiden Blickkontakt, kauern sich zusammen und zeigen Verhaltensweisen aus dem Bereich der Beschwichtigung und Submission, wie z. B. niedrige Körperhaltung, langsame Bewegungen, Wegsehen, über den Fang lecken, Pföteln, eingezogene Rute, angelegte Ohren sowie teilweise Bewegungslosigkeit oder Rückzug, der Köperschwerpunkt liegt eher im hinteren Körperbereich.
In einer Untersuchung (Horowitz, 2009) wurden diese Verhaltensweisen bei Hundebesitzern erfragt, wobei für die oben beschriebenen Muster eben auch ein Zusammenhang mit Angst, Unsicherheit oder gar freundlicher Zuwendung möglich ist, wenn sie aus Sicht des Hundes betrachtet werden. Diese Verhaltensweisen können auch in anderen Umständen in dieser Art und Weise beobachtet werden, also z. B. bei Begrüßungen, in furchteinflößenden Situationen, bei aktiver Demut etc, und sind also nicht rein spezifisch als Hinweise für Schuldbewusstsein zu werten.

In der Untersuchung von Horowitz erfolgte eine Testreihe, in welcher vier Versuchsabläufe getätigt wurden, die eine entsprechende Selbstregulationsfähigkeit bei Hunden nachweisen oder widerlegen sollten. Das Hauptaugenmerk lag hierbei auf dem gegenüber den Besitzern gezeigten Sozialverhalten von Hunden. In den Versuchsabläufen gab es jeweils zwei Variablen: der Gehorsam und die Reaktion des Besitzers. Gehorsam war der Hund dann, wenn er ein Lockmittel nicht aß, während der Besitzer den Raum verlassen hatte und vorher befohlen hatte, das Lockmittel nicht anzurühren, oder aber er aß es. Hierzu verblieb ein Helfer im Raum, der das Lockmittel je nach Durchlauf überreichte oder es entfernte – hier wusste der Hundebesitzer jedoch nicht Bescheid. Die zweite Variable war die Information für den Hundebesitzer, der in den Raum zurückkehrt. Hier wurde in den Testläufen vermittelt, ob der Hund das Lockmittel gefressen hatte oder nicht, wobei der Hundebesitzer hier in den Testläufen in bestimmten Durchgängen zu Untersuchungszwecken bewusst falsch informiert wurde. Wenn der Hund unfolgsam gewesen war, sollte der Hundebesitzer schimpfen, war der Hund folgsam gewesen, sollte der Hundebesitzer freundlich grüßen. Hier sollte also die Besitzerreaktion variiert werden.

In den Ergebnissen zeigte sich, dass die Folgsamkeit des Hundes selbst keinen signifikanten Einfluss auf das Auftreten scheinbar mit Schuld assoziierten Verhaltensweisen des Hundes hatte. Ein deutlich signifikanter Einfluss auf das Auftreten der Verhaltensweisen konnte jedoch durch die Besitzerreaktion nachgewiesen werden. Die Reaktion der Besitzer wiederum hing deutlich davon ab, was diese dachten, dass der Hund getan hätte (es entsprach ja teilweise nicht den Tatsachen). Besonders stark konnten scheinbar schuldassoziierte Verhaltensweisen beobachtet werden, wenn die Hunde geschimpft wurden, ganz deutlich signifikant war das Auftreten der Verhaltensweisen dann, wenn der Hund tatsächlich gefolgt hatte, aber trotzdem geschimpft wurde. Die Verhaltensweisen nahmen also stark zu, wenn der Hund keine Gelegenheit hatte, sich falsch zu verhalten, weil das Lockmittel entfernt wurde. Die Verhaltensweisen wurden nicht deutlich stärker gezeigt, wenn der Hund tatsächlich unfolgsam gewesen war (und dies wäre ja eigentlich anzunehmen, wenn Hunde tatsächlich über ein schlechtes Gewissen und Schuldbewusstsein verfügen würden), sondern immer nur in Abhängigkeit von der Besitzerreaktion.

Dies zeigte also deutlich, dass das „Schlechte Gewissen“ und seine äußere Erscheinung nicht von der Missetat selbst abhing, sondern entsprechende Verhaltensweisen durch das Verhalten des Besitzers ausgelöst wurden. Ein für Hundebesitzer erkennbares „Schuldbewusstsein“ bei Hunden könnte im Grunde Ausdrucksverhalten sein, welches eine angstvolle Erwartungshaltung und Assoziation mit einer Bestrafung bei der Rückkehr des Besitzers kennzeichnet. Eine Vermenschlichung von Hunden führt besonders in diesen Bereich zu nichts Gutem!

Hecht und Mitarbeiter haben diese Untersuchungen im Jahre 2012 weitergeführt.
Auch hier zeigte sich, dass der Großteil der Hundebesitzer bestätigte, ihre Hunde würden in bestimmten Situationen Schuld empfinden. Die Hundebesitzer glaubten auch, dass die Hunde wüssten, etwas „Verbotenes“ getan zu haben. Einige der Hundehalter behaupteten, bereits beim nach Hause kommen am Begrüßungsverhalten erkennen zu können, ob der Hund etwas angestellt habe oder nicht.
Diese Zusammenhänge wurden mittels Fragebogen und Testreihen untersucht. Es stellte sich heraus, dass auch hier kein Zusammenhang zwischen dem Zeigen „schuldbewussten Verhaltens“ bei Hunden und tatsächlichem Fehlverhalten bestand. Hunde zeigten Verhaltensweisen, die die Besitzer als „schlechtes Gewissen“ interpretierten, unabhängig davon, ob sie tatsächlich etwas angestellt hatten oder nicht. Es zeigte sich in dieser Untersuchung jedoch zusätzlich bei der Analyse des individuellen Verhaltens der einzelnen Hunde, dass Hunde etwas mehr „schuldige“ Verhaltensweisen zeigten, wenn sie gegen eine Regel verstoßen hatten (und diejenigen Hunde, die nicht verstoßen hatten, zeigten signifikant weniger „schuldige“ Verhaltensweisen). Die Besitzer konnten dies scheinbar auch im Vorfeld meist richtig erkennen. Allerdings wird hier erwähnt, dass sich die Hundebesitzer auf „Anweisung“ eventuell anders verhalten sollten, als zu Hause – sie sollten ihre Hunde beim Betreten des Raumes ignorieren und nicht (wie vermutlich im normalen Alltag durchgeführt) begrüßen, was zu einem Anstieg der submissiv-freundlich-unsicheren-ängstlichen Begrüßung geführt haben könnte.  Die Studie kommt insgesamt zu dem Schluss, dass Hunde bestimmte Verhaltensweisen in bestimmten sozialen Kontexten (z.B. Begrüßungssituationen) unabhängig von Fehlverhalten zeigen – und, wie schon in der Studie von Horowitz aus 2009, das Hunde das scheinbar „schuldbewusste“ Verhalten auch zeigten, wenn sie nichts angestellt hatten.

Was ist also richtig und wichtig für Hundebesitzer?

Wenn ein Hundebesitzer den Hund schimpft oder von seinem Hund enttäuscht ist, weil er der Abwesenheit des Halters etwas angerichtet hat, so wird der Hund hieraus nicht lernen, keine verbotenen Dinge mehr zu tun! Vermutlich lernt der Hund jedoch, den Halter weiterhin oder stärker ängstlich-unsicher-beschwichtigend und vorsichtig zu begrüßen, um durch Kommunikation von vorneherein Aggressionen der „Gruppenmitglieder“ abzuschwächen und für soziale Integration zu sorgen, wie es diese Begrüßungsform bei Hunden und Wölfen beinhaltet. Manche Hunde lernen sogar, diese Verhaltensweisen zu zeigen, bevor der Besitzer überhaupt bemerkt hat, dass der Hund etwas angestellt hat.
Wichtig ist auch, dass eine verspätete Strafe oder ein Schimpfen etc. nie gerechtfertigt sein kann. Strafen oder Schimpfen führen oft nicht dazu, dass weniger „Fehlverhalten“ gezeigt wird, im Gegenteil. Durch die angstvolle Erwartung einer Strafe kann es dazu kommen, dass ein gestresster, unruhiger Hund Dinge zerkaut und zerstört, um Stress abzubauen, weil das angstvolle Warten auf den Besitzer, der manchmal ganz nett ist und beim andere Mal tobt und schreit, den Hund verwirrt und noch unsicherer macht. Das Timing für Schimpfen und Strafen ist auch denkbar schlecht, wenn es erst erfolgt, wenn man nach Hause kommt; es hilft auch nicht, mit dem Hund z.B. zum zerkauten Schuh zu gehen, darauf zu zeigen und dann zu schimpfen.
Und, auch sehr wichtig: wenn ein Hundehalter nicht möchte, dass sein Hund etwas anstellt, dann wäre es doch zuerst einmal seine Pflicht, dafür zu sorgen, dass der Hund nichts erwischt, was er kaputt machen kann. Der Hund braucht eine Alternative zum fehlerhaften Verhalten, so dass dem  Hund Objekte angeboten werden sollten, mit welchen er sich beschäftigen darf oder die er zerkauen und zerstören kann (befüllter Kong, Kauknochen etc.).
Es ist, zusammenfassend zu sagen, Aufgabe des Hundehalters, dass dem Hund freundlich, entspannt und sorgfältig beigebracht wird, wie er ohne Stress und ohne etwas zu zerstören alleine bleiben kann. Und gerade bei Hunden mit Trennungsstress oder bei Hunden mit unvollständig aufgebauter Stubenreinheit sind Schimpfen und Strafen besonders kontraindiziert und ungerecht!


Literatur:

Bekoff, M., 2000: Animal Emotions: Exploring Passionate Natures. Bioscience Vol.50 No.10; 861-870
Vollmer, P.J., 1977: Do mischievous dogs reveal their “guilt”? Vet.Med., Small Anim.Clin. 72, 1002 – 1005
Morris, P.H. et. al., 2008: Secondary emotions in non-primate species? Behavioural reports and subjective claims by animal owners. Cogn. Emotion 22, 3 - 20
Horowitz, A., 2009: Disambiguating the “guilty look”: Salient prompts to a familiar dog behavior. Behavioural Processes 81, 447 – 452
Hecht, J. et. al., 2012: Behavioral assessment and owner perceptions of behaviors associated with guilt in dogs. Appl. Anim. Behav. Scci . 139; 134 - 142

Sonntag, 23. Dezember 2012

Frohe Weihnachten und guten Rutsch!

Ich wünsche allen Kunden aus der Hundeschule und der Tierärztlichen Praxis für Verhaltenstherapie sowie allen "Ehemaligen" und meinen Lesern  ein schönes und gemütliches Weihnachtsfest sowie viel Glück, Gesundheit, Erfolg und Freude im neuen Jahr!


Ich hoffe auf weitere schöne und erfolgreiche Stunden mit Ihnen und Ihren Hunden, Katzen und kleinen Heimtieren und würde mich freuen, wenn ich Sie und Ihre Haustiere mit Ihrer Hilfe auch 2013 trainieren, unterstützen, unterrichten, begleiten und fördern darf.


Vielen Dank für Ihr Vertrauen und Ihren Einsatz im Jahr 2012.

Dr. Sybille Ehlers

Montag, 19. November 2012

Hundetraining im Fernsehen - sollten wir alles glauben, was wir sehen?

Grundlage für dieses Blogposting, das ich übersetzt und mit eigenen Gedanken und Ergebnissen von Studien erweitert habe, war der Artikel  "Myth: Tough dogs need togh training" von Paws Abilities.


Es passiert leider immer mal wieder.

Hundebesitzer fragen, nachdem sie erfahren haben, was ich beruflich mache, was ich von einigen speziellen „Trainern“ im Fernsehen und deren Methoden halten würde und ob das nicht gut funktionieren würde, gerade bei bestimmten Hunden. Sie sind beeindruckt, was sie im Fernsehen in manchen Sendungen sehen und leider, leider sehen sich erschreckend viele Menschen gerade die falschen Sendungen an. Hier ist nichts toll und nichts realistisch oder gar alltagstauglich, denn die dort gezeigten „Trainingsmethoden“ entbehren jeglicher ethischer und ethologischer Grundlage und ignorieren die Forschungsergebnisse der letzten vierzig, fünfzig Jahre.

Mal ganz davon abgesehen, dass das Aufblinken der Warnungen „Bitte versuchen Sie das nicht zu Hause“ beim Ansehen der Fernsehsendungen irgendwie gar nicht wahrgenommen wird, frage ich mich immer, was es bringen sollte, wenn der Hundebesitzer diese „Methoden“ nicht selbst anwenden kann. Muss dann der Fernsehtrainer einziehen?
Warum werden Sendungen gezeigt, in welchen Hunde misshandelt werden? Wie kann es sein, dass trotz langjähriger vehementer Gegenargumentationen anerkannter Forscher,Wissenschaftler und Verhaltensmediziner bei den Fernsehsendern Derartiges trotzdem gezeigt wird? Wie kann, ohne zu hinterfragen, gut gefunden werden, wenn Tiere im Fernsehen gekniffen, geschlagen, getreten und oft fast erwürgt werden, so dass sie sich vor Angst „in die Hose machen“? Was kann daran gut und richtig sein? Sensationslust?


Wer es sich antun möchte: Das Video zeigt einen Hund, der für eine bescheuerte und absolut unnütze Alpha-Rolle fast stranguliert wird und Todesangst bekommt. Bitte beachten Sie die blaue Maulschleimhaut (Sauerstoffunterversorgung) sowie die Augen des Hundes. Er uriniert sogar unter sich...und gelernt hat er vermutlich gar nichts! Widerwärtig.

Mittlerweile finde ich es gruselig, dass in der Hundeerziehung teilweise wieder im Sauseschritt in die Steinzeit zurückgerannt wird – alleine durch die Medienpräsenz einiger derzeit populärer „Trainer“ oder „Flüsterer“ ohne jegliche fachliche Basis (wie ironisch, dass bei dieser Art des „Flüsterns“ eigentlich "gebrüllt" und rohe Gewalt eingesetzt wird). Niemand ist alleine dadurch qualifiziert, dass er mit Hunden groß geworden ist…
Auch allgemein wird erschreckenderweise wieder offener gezwickt, getreten, geschubst, ge-kscht-tet, in die Flanke gekniffen, an der Leine gerissen und geruckt, bedroht, beängstigt – ich könnte noch lange weiter schreiben und es macht mich traurig, so etwas auf einem Spaziergang oder wo auch immer beobachten zu müssen.  Einige Hundetrainer sind mittlerweile auf die derzeit leider wieder aktueller gewordene „Dominanzschiene“ aufgesprungen und werben mit „belohnungsfreiem“ Training und dem „Arbeiten über reine Kommunikation“. Wobei eben nicht wirklich und auch nur in eine Richtung "kommuniziert" wird, nämlich aversiv vom Halter zum Hund. Was der Hund an Signalen zeigt und kommuniziert, wird schlichtweg nicht wahrgenommen und nicht erkannt.

Ein häufiges Argument für „Training“ mit Aversiva ist, dass das Arbeiten über Lob und Belohnung vielleicht bei einem kleinen, artigen Hunden klappen würde, aber ein Rottweiler, Dobermann, Pitbull, AmStaff,Schäferhund, Herdenschutzhund, Malinois (die Liste ließe sich lange fortführen) muss und kann ruhig etwas härter angepackt werden, so ein Hund „müsse schon wissen, wer der Chef sei“ und sei sowieso von vornherein „dominant“. Oder aber, der Hund „sei gerade in einer Phase, in welcher der Besitzer „deutlicher“ werden müsse, zeigen müsse, wer das Sagen hat, dominieren müsse, der Hund sei stur und wolle nicht hören“…Hunde würden sich untereinander ja auch so behandeln, das täte dem Hund ja nicht weh etc, etc.


Als ob alle Hunde danach trachten würden, uns Hundebesitzer im Schlaf zu ermorden, um dann die Weltherrschaft zu übernehmen!
Hunde nehmen, was sie bekommen – meist liegt der Fehler beim Menschen. Alle Hunde sind auf uns Menschen angewiesen und sie sind Opportunisten, aber sehr willig, mit uns zu kooperieren – bei einer gesunden und guten Beziehung und einer innigen Bindung funktioniert der Alltag ohne grob oder laut werden zu müssen!

Gerade Hunde in schwierigen Entwicklungsphasen, mit Aggressionsproblemen und gerade Hunde bestimmter Rassen sollten unbedingt mit positiv verstärkenden Trainingsmethoden gearbeitet und trainiert werden – aus ethischen Gründen, aber auch, um der Allgemeinheit zu zeigen, dass der Hund nicht primär eine bestimmte Rasse, sondern schlichtweg ein Hund ist, der, wie alle anderen Hunde auch, in hohem Maße darauf ausgelegt ist, mit uns Menschen im Guten zusammen zu leben.

Positive Trainingsmethoden funktionieren nicht? Positives, freundliches und überlegtes Training kann bei bestimmten Rassen, bei Aggressionsproblemen oder in gewissen Entwicklungsphasen nicht eingesetzt werden?

Positive Trainingsmethoden, insbesondere das Arbeiten mit dem Clicker werden seit langem in Zoos, in Tierstationen, in großen Aquarien erfolgreich eingesetzt, um alle möglichen Spezies zu trainieren. Wenn wir Wildtiere, wie Tiger, Orcas, Affen, Löwen, Wölfe und sogar Fische mit positiver Verstärkung trainieren können, wieso sollte diese Trainingsform nicht auch bei einer Tierart angewendet werden können, die seit hunderten von Generationen dafür gezüchtet wurde, eng mit uns Menschen zusammenzuleben und zu arbeiten? Ein Tiger, ein Nashorn, ein Nilpferd würde einen Menschen in freier Wildbahn unter Umständen ohne zu zögern töten – diese Tiere werden mit positiver Verstärkung dazu gebracht, in oder aus dem Käfig zu gehen, beim Wiegen still zu halten, ihren Fang für Untersuchungen zu öffnen, Blutabnahmen zu tolerieren, kleine Tricks zu zeigen und vieles mehr.


Und es soll nicht möglich sein, eine bestimmte Hunderasse, einen bestimmten Hund ohne aversives Training über positive Methoden dazu zu bekommen, an lockerer Leine Fuß zu gehen oder ein auf dem Boden liegendes Brötchen nicht zu fressen? Keine Hunderasse und kein Hund in einer schwierigen Entwicklungsphase ist, als domestiziertes Haustier, so gefährlich wie eine Großkatze!
Das kann ich mir hier nicht verkneifen, ich würde so gerne einmal sehen, wie der Herr aus Mexico (oder der Trainer mit der Baseballkappe, der australische „Hundeflüsterer“ oder sonst einen Trainer mit Dominanzfixierung oder Napoleonsyndrom) versucht, mit seinen Methoden eine Großkatze dazu zu bringen, in eine Box zu gehen…interessante Vorstellung!
Selbst im Schutzhundebereich, der mich persönlich so gar nicht anspricht, ist das Training über positive Verstärkung angekommen, dieser Hund wurde auf der Basis positiver Verstärkung trainiert und ist Weltmeister 2012:


Meinen die Menschen wirklich, man könnte Minensuchhunde, Rettungshunde oder Diensthunde aus dem Spürhundebereich über Gewalt und Strafe trainieren?  

Aber sollten gerade bestimmte Rassen, Hunde mit Aggressionsproblemen oder Hunde in einem bestimmten Entwicklungsstand nicht ganz besonders gezeigt bekommen, wer der „Boss“ ist?

Aber sicher, alle Hunde sollten ihre Halter als souveräne, gelassene und freundliche Leitbilder sehen können – Hunde brauchen jemanden, der sie freundlich, geduldig und ruhig anleitet.
Wir alle wissen mittlerweile, das der Mythos des aggressiven und tyrannischen Alpha-Tiers auf Fehlern in Forschungsarbeiten aus den Sechzigern beruhte und dass leitende Hunde oder Wölfe in der Realität nur selten aggressive Verhaltensweisen zeigen (das wirklich „dominante“ Tier ist durch ausgeprägte Souveränität und Gelassenheit gekennzeichnet und wird nur in den seltensten Fällen körperlich aggressiv). Warum? Weil wahre „Führungspersönlichkeiten“ es nicht nötig haben, aggressiv, grob und unfair zu werden.

Der Bezug zu den fehlerhaften Beobachtungen und der Vergleich Hund und Wolf ist bei den meisten Trainern, die nach dem „Dominanzkonzept“ und der „Rudeltheorie“ arbeiten, immer noch deutlich vorhanden. John Bradshaw schreibt in seinem Buch „Hundeverstand“ (Kynos Verlag, 2011) sehr schön: „Meiner Meinung nach liegt der Schlüssel zum Verständnis des Haushundes zunächst einmal im Verständnis des Haushundes“. Und „Wir sollten den Hund als eigenständiges Tier analysieren und nicht als einen unbedeutenden Ableger des Wolfes“. Trotz genetischer Übereinstimmung Wolf – Hund von 99,96%  ist die Dominanztheorie für Wölfe widerlegt und sie ist schon gar nicht so ohne weiteres auf den Haushund zu übertragen. Das Erbgut zweier Menschen unterscheidet sich in nur 0,1 %, aber dieser scheinbar minimale Unterschied rechtfertigt nicht, alle Menschen und Charakterzüge in einen Topf zu werfen.

Eine "Führungsposition" beinhaltet schlichtweg Kontrolle über Ressourcen – und da unseren Hunden die Daumen fehlen, sollten wir doch in der Lage sein, die Dinge, die unseren Hunden wichtig sind (das muss nicht immer nur Futter sein!), zu kontrollieren und durch DENKEN zur Belohnung und Motivation einzusetzen. Wir haben den Hunden hierin einen weiten Vorsprung, der sich ohne jegliche Gewalt durchsetzen lässt!
Eine gute Führungspersönlichkeit ist wohlwollend und vertrauenswürdig – überlegen Sie doch bitte einmal, welcher Chef Ihnen lieber wäre, derjenige, der freundlich und souverän ist, der Ihnen Sicherheit vermittelt und für den Sie gerne arbeiten (gegen Lohn oder Gehalt – es ist keine Schande, einen Hund für gute Leistungen zu belohnen, so wie wir unser Geld bekommen!), weil er Sie unterstützt und geduldig ist, oder der Chef, der Sie drangsaliert und schikaniert, der Sie anschreit, dass Sie nur alles falsch machen würden, Ihnen aber keinerlei Hinweise gibt, was richtig wäre? Welchen Chef würden Sie wählen? Wen würden Sie mehr respektieren und schätzen? Bei welchem würden Sie die bessere Leistung erbringen, freiwillig?

Ich finde, dass jeder, der mit Hunden arbeitet, wissen muss, wie Hunde lernen, wie sie denken und vor allem, wie sie zu motivieren sind. Dass Strafreize dem Lernen nicht gerade zuträglich sind, habe ich schon an anderen Stellen ausführlich beschrieben. Bei Hunden mit Aggressionsproblemen sind Strafreize und Gewalt im Training regelrecht kontraindiziert!

Wenn ein Hund Probleme macht, so sollte zunächst sein Alltag und die vom Besitzer  investierte Arbeit angesehen werden: wurde dem Hund überhaupt beigebracht, sich „höflich“ und ruhig zu verhalten? Wurde ihm beigebracht, für Dinge, die ihm wichtig sind, mit dem Besitzer zusammenzuarbeiten? Weiß der Hundehalter, was seinem Hund wichtig ist? Hat er sich Zeit genommen, dem Hund die entsprechenden Verhaltensweisen schrittweise so beizubringen, dass sie auch in kritischen Situationen abrufbar sind?  Hatte der Hund eine Chance, das richtige Verhalten zu zeigen und wurde ihm gesagt, dass dies sich auszahlt? Durfte er lernen oder wurde nur das Fehlverhalten bestraft? Wie wurde der Hund trainiert?

Ein fordernder und unhöflicher Hund, aber auch ein Hund, der z. B. auf bestimmte Reize unangemessen reagiert, ist oft ein Anzeichen dafür, das erwünschtes Verhalten nicht ausreichend genug trainiert wurde, das nicht überlegt wurde, was stattdessen angemessen wäre und dass keine Managementmaßnahmen ergriffen wurden. Was soll der Hund stattdessen tun und wie soll das erwünschte Verhalten aussehen? Wie bringe ich dies dem Hund am besten bei? Fragen, die sich verantwortungsbewusste Hundehalter unbedingt stellen sollten. Und geht es nicht voran im Training, nicht gleich die Peitsche herausholen, sondern jemanden fragen, der auf wissenschaftlicher Basis arbeitet und Ihnen helfen kann. Aber Vorsicht, nicht überall, wo „positive Verstärkung dran steht, ist auch positive Verstärkung drin!

Das folgende Video zeigt einen schönen und korrekten Ablauf einer Übungssequenz bei Aggression gegenüber anderen Hunden. JA, da wird ein Hundedummy verwendet - und das ist wichtig und richtig, denn, wenn man korrekt trainieren will, muss der Hund unbedingt unterhalb der Reizschwelle gearbeitet werden:



Noch ein paar Fachartikel für Interessierte:

Training methods and owner-dog interactions: Links with doch behavior and learning ability, Nicola Jane Rooney, Appl.Anim.Behav.Science 132 (2011): 169 – 177:

The personality of “aggressive” and “non-aggressive” dog owners, Deborah L. Wells, Peter G. Hepper, Personality and Individual Differences, Elsevier, 53, (2012), 770-773

Behaviour of smaller and larger dogs: Effects of training methods, inconsistency of owner behavior and level of engagement in activities with the dog. Christine Arhant et al., A Appl.Anim.Behav.Science 123 (2010), 131 – 142



Donnerstag, 1. November 2012

Welpengruppe auch im Winter?



 Jetzt kommt sie wieder, die dunkle Jahreszeit…

Viele Hundefreunde lassen sich während Herbst und Winter von der Anschaffung eines Welpen abschrecken. Warum eigentlich?

 
In einem früheren Blogposting habe ich über die Anschaffung eines Welpen im Herbst und Winter geschrieben, es kann sogar Vorteile haben, wenn ein Welpe während der Winterzeit seine Sozialisierungsphase erlebt!

Eine gute Sozialisierung der Welpen ist auch im Winter sehr wichtig. Dies kann in einer fachlich geführten Welpengruppe gewährleistet werden.

Falls Sie sich gerade auf der Suche nach einer geeigneten Gruppe für Ihren Welpen befinden, sind Sie vielleicht bei uns gut aufgehoben:

Wir trainieren unsere Kleinen im (fast) wichtigsten Kurs natürlich ganzjährig! 
Aktuell treffen sich die Welpen samstags von 13.30 bis 14.30 Uhr (eventuelle Änderungen der Trainingszeiten werden immer auf www.hundeschule-an-der-leine.de unter „Aktuelles“ und „aktuelle Kurstermine“ mitgeteilt). Im Dezember rückt unsere Trainingszeit voraussichtlich um eine halbe Stunde nach vorne, dann üben, lernen und spielen die Kleinen von 13 bis 14 Uhr.
Bei uns sind zwei Tierärzte zur Betreuung der Gruppe und um Ihre Fragen zu beantworten, anwesend.

Um Ihnen das Training in unserer Welpengruppe auch im Herbst und Winter besonders angenehm zu gestalten, haben wir  2012 / 2013 ein paar besondere Aktionen vorgesehen:


Der Welpen-Elternabend und der Extratermin zum Thema Rückruf sind für angemeldete Teilnehmer in der Welpengruppe natürlich kostenfrei. 

Über Ihre Anmeldung zum unverbindlichen Probetermin freuen wir uns sehr! Überzeugen Sie sich selbst, vielleicht auf bald!

Herzlichst, 
Ihr Team der tierärztlichen Hundeschule "An der Leine"


Donnerstag, 9. August 2012

Leinenaggression Teil 2 – was hilft und was ist gefährlich?

Im ersten Teil zum Thema Leinenaggression aus dem vorletzten Blogeintrag habe ich die Körpersprache, die Ursachen, die Gründe für Aggression sowie die Verstärkung durch die Leine beschrieben und erklärt. Aggressive Körpersprache und Lautäußerungen sind Kommunikationsmittel, um eine räumlich-zeitliche Distanz zu schaffen und auch, um die eigenen Interessen durchzusetzen (es geht um etwas für den Hund Wichtiges, den eigenen Körper, Futter, die biologische Fitness etc.).  Dieses heißt bei einer Leinenaggression meist nichts anderes als: „bleib mir vom Leib“ oder „komme mir nicht zu nahe“ (das gilt nicht für frustrationsbedingte Formen, diese sind hier ausgenommen!).

Wissen ist Macht, nur informierte Hundehalter können richtig verfahren, deshalb auch in diesem Teil zum Thema Leinenaggression ausführlichere Erklärungen:

 
Im Hundegehirn (es ist ähnlich beim Menschen) kommt es im Bereich für Erwartungen und strukturiertes Vorgehen – im präfrontalen Cortex – bei Anblick des Auslösereizes „anderer Hund“ zu einer Übererregung. Dann ist kein Handlungsziel mehr entwickelbar, der Hund wird regelrecht kopflos und kann nur noch mit den vorhandenen Mustern der Krisenbewältigung (Aggression zur Distanzierung) reagieren. Wenn diese Verhaltensmuster nicht weiterhelfen, was bei einer weiteren Annäherung des anderen Hundes der Fall ist, da die Kommunikation nicht zur Distanzvergrößerung beiträgt, dann wird der Hirnstamm aktiviert. In diesem Bereich geht es mehr oder weniger um das Überleben, das eigentlich nur durch Flucht (diese ist dem angeleinten Hund ja nicht möglich) oder aber durch Angriff gewährleistet werden kann. Der Hirnstamm ist ein entwicklungsgeschichtlich sehr alter und wichtiger Teil des Gehirns, dort liegt sozusagen die "Survival-Zone" - es sind keine Alternativen im Verhalten mehr möglich, wenn dieser Bereich aktiv ist. Bei Hunden, bei welchen weder Flucht noch Angriff möglich sind, folgt in der Regel eine Erstarrung und Hemmung, da mehrere Bereiche des Gehirns quasi im Leerlauf hochfahren. Das ist besonders fatal, denn hieraus resultieren auf Dauer stressbedingte Folgeerkrankungen, also massive Angst- oder Zwangsstörungen oder auch weitere aggressive Verhaltensstörungen. Deshalb sind die Trainingstechniken, die auf dem so genannten Flooding basieren (der Hund wird solange einem beängstigenden oder bedrohlichen Reiz ausgesetzt, bis er nicht mehr reagiert – also vollkommen erschöpft ist) tierschutzwidrig - der Hund kann nicht rational vorbereitet werden - und im Falle von Aggression auch sehr gefährlich! 

Betroffene Hundehalter wünschen oft, das Verhalten solle so schnell wie möglich aufhören, ohne jedoch zu viel Aufwand (wenn möglich gar keinen) betreiben zu müssen. Wenn wir jedoch alle zunächst einmal bei uns selbst anfangen, würden wir merken, dass das Ablegen von Gewohnheiten oder fest verwurzelten Verhaltensweisen doch extrem viel Arbeit macht, auch bei uns Menschen, die wir ja mit höheren geistigen Kapazitäten als Hunde ausgestattet sind. Zu berücksichtigen ist, dass auch wir Menschen in starker Emotionalität, sprich, wenn wir uns bedroht fühlen, Angst empfinden oder auch, wenn wir sehr aufgeregt sind, meist nicht besonders variationsreich, sondern nur sehr, sehr kopflos reagieren können, wie oben beschrieben. Genauso geht es den Hunden, wenn nicht noch stärker, da neben der Panik des Hundes dann auch noch kaum oder schlechtes Feedback vom Menschen kommt. Auch der Mensch sollte Willens sein, ein paar wichtige Punkte an seinem Verhalten zu ändern oder zumindest lernen, wie er für seinen Hund in derartigen Situationen ausreichend Sicherheit ausstrahlt – das geht bestimmt nicht durch schreien, schlagen oder schimpfen…

Was wird meist versucht, um das Verhalten zu beenden? 

1.      Schimpfen

Leider kann ein Hund, da er nicht über ein mit dem des Menschen vergleichbares Wortverständnis verfügt, das Gesagte nicht verstehen – die Stimmung und den Klang der Worte nimmt er jedoch sehr wohl wahr. Dies führt in der Regel dazu, dass der Besitzer durch schimpfen und böse werden das Verhalten des Hundes unwissentlich verstärkt. Der Mensch bellt mit – der Hund bezieht die Aufregung nicht auf sein eigenes Fehlverhalten, sondern auf den anderen Hund, der sich annähert. Das Problem wird verstärkt. 

2.      Strafreize

Manche Hundehalter verwenden den Einsatz von körperlichen Einschränkungen und Strafreizen. Hierzu gehören Blockaden, Bedrohungen oder gar Gewaltanwendung mit  Leinenrucken, Anlegen von Ketten- oder Stachelhalsbändern, Anrempeln, Zwicken, Schubsen oder Schlagen des Hundes. Manch einer versucht sich, auch heute noch, an der antiquierten und nicht hundegerechten Alpha-Rolle.
Übrigens fallen die vermeintlichen „Soft-Methoden“ Wasserspritzpistole und Schepperdose auch unter diese Kategorie, da sie aversive und unangenehme Reize (also Strafen) darstellen und dem Hund nicht gesagt wird, was er in seiner Aufregung und Alarmstimmung denn stattdessen tun soll. Nur eben, dass die Hände aus dem Spiel sind; aber glauben Sie nicht, dass der Hund nicht doch deutlich mitbekommt, wer die Dose wirft oder wer aus der Wasserpistole spritzt? Will Mensch denn, dass er selbst noch mit als extrem negativer Faktor ins Geschehen eingebunden wird? 
„Körperlichkeiten“ führen manchmal kurzfristig zu einer tückischen und trügerischen Besserung, indem die Strafe das unerwünschte Verhalten vorübergehend unterdrückt. Der Hundehalter fühlt sich bestätigt, aber das grob werden hat zahlreiche Nachteile und birgt böse Stolperfallen:
  • Manchmal (i.d.R. zu Beginn des Einsatzes) scheinen Strafen schnell zu funktionieren. Dadurch scheinen Strafen „die“ Lösung zu sein. Besonders gerne wählen manche Menschen eben Methoden, bei welchem sie sich keine Gedanken machen oder gar über ihr eigenes Verhalten reflektieren müssten. Besonders traurig ist, dass der Hund darunter leiden muss!
  • Manche Hundehalter sind leider noch nicht ausreichend über das Lernverhalten von Hunden informiert und sind sich nicht über ablaufende Verknüpfungen und mögliche Folgen bewusst.
  • Der Besitzer unterliegt einer negativen Verstärkung, er wird seine eigene Anspannung und Frustration los, wenngleich auf sehr fragliche Weise. Er wird wieder und wieder schreien, grob werden und strafen.
  • Hunde lernen orts- und situationsbezogen und verknüpfen emotional immer die Situation, anwesende Personen, Hunde und Tiere sowie Orte mit, insbesondere bei traumatischen Erlebnissen. Die Strafe und Gewalt werden in der Regel nicht mit dem eigenen Verhalten, sondern mit in der Situation anwesenden Faktoren bzw. im einfachen Fall mit dem ursprünglichen Auslöser (anderer Hund, angeleinter Zustand) verknüpft. Was passiert also, wenn der Hund den Schmerzreiz mit dem eigenen Menschen oder dem anderen Hund, einem zufällig anwesenden Kind, Passanten oder einem unbeteiligten Hund assoziiert? Welche Emotionen wird der Hund in Zukunft beim Anblick des Besitzers / des Kindes / des anderen Hundes – und noch weiter gedacht – beim Anblick von Menschen / Hunden / Kindern haben? Man könnte es „die Uhr von der Zeitbombe entfernen“ nennen. 
  • Bei Strafreizen wird die emotionale Grundhaltung des Hundes nicht verbessert, es werden lediglich Verhaltensweisen (für kurze Zeit) unterdrückt. Die emotionale Grundhaltung wird eher ins Negative verstärkt.
  • Körperlichkeiten können dazu führen, dass ein Hund lernt, jegliche Warnsignale einzustellen, bevor er zubeißt.
  • Der Hund erfährt eine sehr unangenehme Einwirkung durch seinen Besitzer in besonders negativer Form – auch bei einem Schubser oder einem Kneifen. Das ist der Bindung und somit dem Zusammenleben mit dem Hund nicht zuträglich. Das Vertrauen des Hundes in seinen Besitzer geht verloren, der Mensch fällt dem Hund sozusagen in den Rücken. Besonders schlimm finde ich hier immer, dass Hunde ja nicht einfach ihre Familie / ihren Besitzer verlassen können (genauso wenig können Hunde auswählen, in welche Familie sie kommen), sondern „ihren Menschen“ meist lebenslang treu und loyal zur Seite stehen werden. Und aus dieser Sicht empfinde ich einen Strafeinsatz als besonders schändlich. Haben Sie sich einen Hund angeschafft, um ihn permanent strafen zu müssen? Ich nicht. Der Grund für die Hundehaltung stellt sich doch bei stetigem Strafeinsatz in Frage!
  • Der Hund und sein Besitzer sind in entsprechenden Situationen hochemotional – starke Emotionen verhindern rationales Denken. Lernen wird stark eingeschränkt bzw. verhindert (Assoziationen sind aber möglich, da sie u.a. emotionale Aspekte betreffen). Alle Überlebensreflexe sind eingeschaltet, für Rationalität ist keine Zeit.
  • Strafen müssen immer stärker werden, um wirksam zu bleiben (Belohnungen könnten theoretisch immer weniger werden, so man denn möchte). Strafen werden also mit ziemlicher Sicherheit das Auftreten des unerwünschten Verhaltens verstärken!
  • Der Hund meidet seinen Besitzer oder wehrt sich im schlimmsten Fall. Strafen können nachhaltige psychische und physische Beeinträchtigungen des Hundes verursachen und können zu Gegenaggression führen – der Hund fühlt sich am Leben bedroht und wehrt sich (positive Verstärkung führt übrigens nicht zu Aggression!).
  • Bei Strafen wirken sich Fehler im Timing oft fatal aus…und wer von uns Menschen ist schon hundertprozentig konsequent und hat ein supergenaues Timing? Alleine durch diesen Punkt ist Strafeinsatz nichts weiter als Tierquälerei. Beim Arbeiten über Lob und positive Verstärkung würden Sie einfach Ihr Timing für die nächsten Durchgänge zu verbessern versuchen. Bei Strafen wirkt sich ein schlechtes Timing auf übelste Weise aus.
  • Mit Strafen „gearbeitete“ Hunde bieten wenig bis kein selbständiges Verhalten mehr an (im schlimmsten Falle bis hin zur erlernten Hilflosigkeit, bei welcher es zu einer Imbalanz an Neurotransmittern im Gehirn kommt) und sind oft deutlich schwerer und nur langwieriger zu trainieren / therapieren. Manchen armen Seelen kann man leider nicht mehr helfen…
  • Wo auf der Welt führt Gegenaggression zu einer Verringerung von Aggression?
  • Starke körperliche Strafen sind nach dem Tierschutzgesetz verboten! Der Halter macht sich strafbar.

Bitte nicht mehr wehtun

3. Ablenken

Auch diese Variante wird oft eingesetzt. Sie ist zunächst „besser“ als die Strafvariante, weil sie nicht tierschutzwidrig ist, führt aber nicht zu den gewünschten Erfolgen, da der Hund durch die Ablenkung (die Gott sei Dank meist - weil nur dann wirksam -  positiver Natur ist), den Auslöser nicht wahrnimmt und somit nicht in Alternativverhalten geschult wird.  Ohne „Ablenkungsmittel“ zeigt der Hund das Fehlverhalten meist genauso oder aber es treten Timingfehler auf, die das unerwünschte Verhalten verstärken. Im Grunde soll der Hund ja bei Anwesenheit des anderen Hundes ein anderes Verhalten zeigen – dies geht natürlich nicht, wenn man verhindert, dass der Hund den Reiz überhaupt wahrnimmt.

Achtung: keine dieser drei oben erwähnten Methoden, die von den meisten Hundehaltern mit leinenaggressiven Hunden irgendwann einmal praktiziert werden, berücksichtigt die Motivation des Hundes! Bei keiner der o.g. „Trainingsmethoden“ wird berücksichtigt, warum der Hund das Verhalten zeigt und was der Hund mit dem Verhalten bezwecken möchte. Zudem wird bei allen Methoden nicht an der emotionalen Grundhaltung des Hundes gearbeitet. Diese wiederum kann nur verändert werden, wenn man sich im Klaren über die Motivation des Hundes ist.


4.      Die „Grauzone“: Arbeiten über negative Verstärkung

Hierbei wird der Hund im Training bewusst in eine ihm unangenehme Situation (ein Hund oder eine Person nähert sich dem angeleinten Hund) gebracht. Der Trainingsweg liegt darin, dass die unangenehme Situation vor dem Beginn des Fehlverhaltens, in diesem Falle unangemessenes Verhalten an der Leine, durch Weggehen aus der Situation „belohnt“ wird. Die Belohnung für das Ausbleiben der Leinenaggression ist die Beendigung dieser Situation, also das Weggehen. (Schlaue Leser bemerken hier eine große Schwierigkeit im Timing…wenn der Hund bereits im Fehlverhalten ist, könnte etwas ganz anderes belohnt werden…)
Viele Personen finden derartige Trainingswege ganz ansprechend, weil sie aus der Situation „belohnen“ können und keine weiteren Motivationsmittel benötigen, sie nutzen, was der Hund in dieser Situation am liebsten tun würde – weglaufen.
Ich frage mich immer, warum hier nicht gleich daran gearbeitet wird, dass der Hund die Annäherung eines anderen Hundes als angenehm kennen lernen kann? Und das geht nun mal nur dadurch, dass es sich für den Hund auszahlt, nicht zu reagieren (der Hund ignoriert den auftretenden Reiz) bzw. später mit erwünschtem Verhalten (welches der Hund erst lernen muss) zu reagieren. Dies wiederum kann nur durch starke gegenläufige Motivationsmittel erreicht werden. Ganz unter uns, lieber füttere und bespiele ich meinen Hund ein Leben lang für korrektes Verhalten, als dass ich ein Hundeleben lang unangenehme und kritische Situationen aufsuchen muss oder gar meinen Hund ein Leben lang strafe….warum nur so viele Menschen ein Problem mit Belohnungen haben? Dreht sich doch auch das menschliche Leben hauptsächlich um Motivation und Belohnung – aber der Hund soll (aus ihm unerklärlichen Gründen) aus Respekt und Ehrfurcht arbeiten?
Wenn die Methoden der negativen Verstärkung unter extrem kontrollierten Bedingungen stattfinden würden, könnten sie effektiv sein, da negative Verstärkung zukünftige Verhaltensweisen stark beeinflussen kann. Unangenehm und schlecht hierbei (wenn nicht in einen Trainingsplan eingebunden) ist einerseits, dass der Hund nicht gesagt bekommt, was er denn statt dem unangemessenen Verhalten an der Leine zeigen soll und andererseits, dass auch hier die emotionale Grundhaltung des Hundes nicht verändert wird. Und, hier halte ich es mit Jean Donaldson , es ist nicht gut, wenn der Hund erst in eine solch unangenehme Lage gebracht werden muss, damit negative Verstärkung wirken kann. Man muss den Hund also massiv stressen, um das reine Weggehen (ohne weitere unterstützende Techniken) als belohnend einzusetzen. Das kommt dem weiteren Vorgehen bzw. dem leinenaggressiven Verhalten auf Dauer ganz bestimmt nicht entgegen und ist meist nur sehr schwer zu timen.
Wenn ein so genannter "funktionaler Verstärker", also diejenige Handlung, die der Hund am liebsten tätigen würde, mit einer Gegenkonditionierung, einer Desensibilisierung und einem Alternativverhalten auf der Basis von Belohnung gekoppelt wird, ist er durchaus sinnvoll. In einen Trainingsprozess eingebaut und in Kombination mit anderen "Werkzeugen" ist es eine sehr effektive weitere Belohnungsmöglichkeit! 

Fällt der Groschen?

Geeignete Methoden:

Natürlich ist das korrekte Vorgehen individuell sehr unterschiedlich, da jeder Hund eben auch ganz andere Verhaltensweisen zeigt und jeder Hund eine andere Reizschwelle und Reizintensität erträgt. Das Arbeiten an leinenaggressivem Verhalten ist also eine ganz individuelle Sache und sollte unbedingt auf den jeweiligen Hund, dessen spezifische Auslöser, dessen Motivation, dessen Möglichkeiten und Lernvermögen sowie auf die Umsetzbarkeit durch den Hund und die Besitzer zugeschnitten sein. Einheitliche Trainingsschemata kann und darf es somit nicht geben. Wenn ein Trainingsweg die Eigenheiten eines Hundes nicht berücksichtigt, kann dieser Weg nicht erfolgreich sein.

Bitte suchen Sie sich einen auf der Basis positiver Verstärkung arbeitenden Trainer oder Therapeuten und lassen Sie sich einen individuellen Trainings- und Vorgehensplan entwickeln. Suchen Sie sich Hilfe, denn Leinenaggression kann Sie und Ihren Hund krank machen, zudem kann die Öffentlichkeit, andere Hunde und Sie selbst gefährdet werden. Achtung, wer mit positiven Methoden wirbt, muss diese nicht unbedingt anwenden! Vereinbaren Sie ein Vorgespräch, bevor Sie sich festlegen, um sich einen Eindruck zu verschaffen oder beobachten Sie den Trainer im Rahmen einer Probestunde. Sobald auch nur ansatzweise Methoden aus den oben beschriebenen Punkten 1, 2 und 3 (und wenn in Reinform ausgeführt-ohne Veränderung der emotionalen Grundhaltung-auch die Methode 4) als Arbeitsweise genannt werden, investieren Sie Ihr Geld bitte nicht in Methoden, die Sie zurückwerfen oder Ihren Hund leiden lassen und zur tickenden Zeitbombe trainieren. Argumentationen wie: “das tut dem Hund gar nicht weh“, „das ist normal“, „Hunde machen das auch so grob“ oder der „imitierte Biss“, „Schon-Ruck-Halsbänder“, „Leinenimpuls“ oder andere beschönigende Begriffe sind nichts anderes als Umschreibungen für Straf- und Schreckreize und sollten bei Ihnen alle Warnsysteme hochfahren lassen – gehen Sie woanders hin! Heutzutage haben Sie so viele Wahlmöglichkeiten, es finden sich immer Trainer, die durchweg positiv arbeiten und Ihnen die Gründe des Vorgehens wissenschaftlich belegt erklären können.
Gehen wir raus?
Es gibt allgemeine grundlegende Prinzipien, die bei Hunden mit Leinenaggression beachtet werden sollten:
  • Es muss eine Diagnose erstellt werden. Der Trainer oder Therapeut erfragt einen ausführlichen Vorbericht (auch, um die Gefährlichkeit der Verhaltensweisen abzuklären) und führt eventuell eine verhaltensmedizinische Untersuchung durch. Eine vollständige tierärztliche Untersuchung ist ebenfalls angebracht, denn möglicherweise vorliegende organische Ursachen sind unbedingt auszuschließen. Hierzu gehören z. B. schmerzassoziierte Verhaltensweisen, hormonelle Ursachen oder Probleme mit den Sinnesorganen.
  • Faktor Dauer: wie lange zeigt der Hund das Verhalten schon und wie wurde bislang damit umgegangen, was wurde unternommen? Fehlerhaftes Training verlängert die Therapie. Also schnell Hilfe in Anspruch nehmen!
  • Faktor Distanz: wo ist der kritische Punkt, an welchem das Verhalten beginnt? Es muss immer unterhalb der Reaktionsschwelle gearbeitet werden, damit der Hund angemessenes Verhalten lernen kann. Ist er schon angespannt, wird das zu Trainierende nicht ankommen. Eine schöne Methode, um mit der Distanz und auch der Erwartungshaltung des Hundes zu Beginn des Trainings zu arbeiten, sind Methoden, bei welchen der Hund im Rahmen eines „Spiels“ lernt, sich nähernde Personen oder Hunde auf Signal (oder ohne Signal) mit dem Blick in die Richtung hin anzuzeigen (und sieht im Anschluss vom Reiz weg und auf den Besitzer, da dieses Spiel ja vom Besitzer belohnt wird). Hier wird die kritische Distanz des Hundes nicht unterschritten und man kann das Ganze auf einer rationalen und belohnungsbasierten (und somit freudigen) Ebene halten, was zu Beginn des Trainings sehr vorteilhaft sein kann. Hierzu gibt es bei einem kompetenten Trainer Anleitung. Für das Durchschreiten einer kritischen Situation jedoch benötigt man weiteres Handwerkszeug, das Hinsehen-Spiel kann nicht genutzt werden, um direkt in und durch eine Auslösesituation zu gehen.
  • Faktor Motivation: was will der Hund mit seinem Verhalten erreichen und erreicht er es unabsichtlich auch? Leinenaggressives Verhalten ist oft selbst belohnend. Achtung bei frustrationsbetonten Formen, hier möchte der Hund zum anderen Hund hin – das Training verläuft anders!
  • Was soll der Hund denn stattdessen tun? Kann ein Hund dieses Verhalten in einer solchen Situation tatsächlich ausführen? Wie realistisch sind die Erwartungen? Wie gut ist dieses Alternativverhalten bereits ausgearbeitet? Kann der Hund es auch unter Ablenkung ausführen? Kann er es freudig ausführen, wie ist seine Stimmung dabei?
  • Faktor Qualität des gegenläufigen Motivationsmittels und des Trainings. Um effektiv an Problemsituationen arbeiten zu können, benötigt man sehr starke Gegenmotivationen. Überlegen Sie bitte: Ihrem Hund geht es in einer solchen Situation um das Überleben und eigene Vorankommen. Was motiviert ihn mindestens ähnlich stark im Positiven und macht ihn freudig aufgeregt? Das kann natürlich keine Strafe oder ein anderer aversiver Reiz sein. Starke gegenläufige Motivationsmittel haben bei geplantem und gezielten Einsatz den Vorteil, dass die emotionale Grundhaltung des Hundes ins Positive verändert wird. Der Hund empfindet die Situation als angenehm!
  • Faktor Zeit: alle effektiven Methoden sind im Aufbau, da sie nur schrittweise umgesetzt werden sollten, etwas arbeitsintensiver. Sie möchten bei Ihrem Hund eine langfristig wirksame Verhaltensänderung und eine positive emotionale Grundhaltung erreichen. Denken Sie an eigene lästige Gewohnheiten und Verhaltensmuster, um eine Änderung zu erreichen, müssen auch Menschen sehr intensiv an sich arbeiten! Ich habe allerdings auch ein paar „Patienten“, die innerhalb sehr kurzer Zeit wie „Einser“ durch vormals chaotische Situationen gehen, weil ihnen von ihren Menschen besonders gut geholfen und gezeigt wurde, auf was es ankommt und was sich stattdessen besser auszahlt. Diese Fälle machen mich persönlich immer sehr, sehr glücklich!
  • Faktor Quantität: wie oft und wie erfolgreich wird am Problemverhalten gearbeitet? Im Idealfall findet ein Training in vielen, ganz gezielt geplanten und kontrollierten Einheiten statt, die erst dann intensiviert werden können, wenn der Hund in der Lage ist, „mehr“ zu ertragen und dabei ruhig zu bleiben.
  • Welche Basis-Handwerkszeuge werden benötigt, wie werden diese angemessen trainiert? Was sagt der Hund uns? Was erträgt er, was kann er leisten? Wie stark ist sein Stress?
  • Liegen Probleme in der Struktur des Zusammenlebens Hund-Mensch vor? Ist die Beziehung schon angeknackst durch Strafmethoden? Wie können diese freundlich-neutral und konsequent gelöst werden? Was muss geändert werden? Hiermit sind nicht die Methoden der beiden populären Fernsehtrainer gemeint, es geht weder um das Dominanzkonzept noch um „pöbelndes“ Verhalten.
  • Viele weitere Punkte könnten noch aufgeführt werden. Sie sehen jedoch, dass Verhaltensänderungen und entsprechende Pläne und Trainingsüberlegungen sehr individuell zugeschnitten sein müssen.

Um weiterhin eine schöne Zeit mit dem Hund verleben zu können und um auch in Zukunft wieder Freude am Hund und an gemeinsamen Aktivitäten zu empfinden, kann ich nur empfehlen, dass sich Betroffene schnell kompetente Hilfe suchen. Das haben Sie und Ihr Hund sich mit Sicherheit verdient und Ihr Hund ist Ihren Einsatz auf alle Fälle wert!  
Danke für die Hilfe!