Donnerstag, 29. März 2012

Wie lernen Hunde - wie trainiere ich richtig?


Lernen ist eine Reaktion eines Lebewesens, die dazu führen soll, bestimmte Situationen so optimal wie möglich zu gestalten (also mit dem größten individuellen Nutzen für das Lebewesen) – es ist im engeren Sinne immer eine Anpassung an Gegebenheiten, die durch Verhalten und Verhaltensveränderungen erreicht wird. Lebewesen lernen nicht, um anderen zu gefallen, sondern immer nur für sich selbst! Wer zum Thema Motivation genauer nachlesen möchte, kann dies hier tun.

Lernen findet immer statt, in jedem Moment des Lebens – Voraussetzungen sind bei den meisten Hunden gegeben: Gehirn, Augen, Ohren, Nase und andere Sinnesorgane sowie Muskulatur, um das Verhalten auszuführen. Wie wir Menschen lernen Hunde auch außerhalb gezielter Trainingssituationen, das Gehirn kennt kein „stand by“. Allerdings ist, um die neuen Informationen zu speichern und auch zu verarbeiten, immer ein Wechsel zwischen Wiederholungen und Pausen notwendig – nur dann kann die Information in das Langzeitgedächtnis „rutschen“ und durch die Wiederholungen an unterschiedlichen Orten und Zeiten gefestigt werden.


Wichtig ist generell, dass ein Hund auf Signal immer nur dasjenige Verhalten zeigen kann, das wir ihm beigebracht haben. Dass ein Hund sich so benimmt, wie wir es gerne hätten und ohne, dass wir ihn gelehrt haben, was in dieser bestimmten Situation angebracht oder erfolgsversprechend ist, ist leider Wunschdenken – Hunde bleiben Hunde, können nur wie Hunde wahrnehmen und reagieren, sie können keine Gedanken lesen und haben keine Moralvorstellungen.

Bitte halten Sie sich immer vor Augen, dass Hunde nicht über ein Sprachzentrum wie wir Menschen verfügen und dass Hunde kein Wortverständnis besitzen. Ich sage gerne, dass Hunde kein Deutsch können – damit ist gemeint, dass Hunde unsere gesprochene Sprache nicht wie wir Menschen verstehen – Worte haben für Hunde primär keine Bedeutung. Jetzt werden Sie vermutlich denken, dass die Hunde doch Kommandos befolgen können – ja, aber diese einzelnen Signale hat man (hoffentlich) sorgfältig konditioniert, sie sind mit einer Signalwirkung, wie z.B. bei uns eine rote Ampel, verbunden. Ein Wortverständnis selbst liegt nicht vor, es ist vielmehr eine Reiz-Reaktionskoppelung, die nur dann zum Erfolg für den Hund führt, wenn er das richtige Verhalten auf dieses Signal hin zeigt. Dies muss der Hund jedoch erst erlernen – dazu komme ich später. Es hilft also nicht, den Hund mit Kommandos anzubrüllen, wenn wir uns nicht die Zeit genommen haben, dem Hund beizubringen, was das Kommando bedeutet, sondern sorgt nur für Angst und Stress beim Hund. So kann er nicht lernen! 

Traurig, aber wahr (aus Sicht des Hundes):
 


Neurobiologisch kommt es im Gehirn bei Lernprozessen zu zahlreichen komplexen Verschaltungen zwischen Nervenzellen, -bahnen und Kontaktstellen und zur Beteiligung von Gehirnbotenstoffen und eventuell Hormonen etc. Es kommt also zu einem Umbau von Strukturen, Lernen findet statt.


Hunde lernen auf mehrere Arten:

1.      Die Habituation  oder Gewöhnung

Wenn ein Reiz keine Folgen hat bzw. auf diesen Reiz keine Konsequenz folgt (egal, ob angenehm oder unangenehm), so wird sich der Hund an diesen Reiz gewöhnen und diesem speziellen Reiz keine weitere Beachtung mehr schenken. Gewöhnung ist also ein stetes Nachlassen einer Antwort auf einen Reiz, der (in diesem Falle nicht überlebensbedrohende) Reiz wird „überhört“ und dieses hat keine weiteren Konsequenzen. Habituation findet meist auf unbelebte Umweltreize hin statt – würde der Hund jedes Mal auf das laufende Radio oder auf den laufenden Fernseher reagieren, käme es rasch zur Reizüberflutung. Auch wir Menschen sind an Umgebungsreize gewöhnt. Es wäre fatal, wenn jeder Reiz zu einer Wahrnehmung bzw. Reaktion führen würde – wir (und auch die Hunde) würden wahnsinnig werden. Deshalb ist Habituation gut und notwendig, sie ist eine Sparmaßnahme des Gehirns und findet ohne direkte bewusste Wahrnehmung statt (und ist durch den Hund selbst nicht zu steuern). Natürlich dürfen die Reize für eine Gewöhnung nicht allzu auffällig sein oder gar als bedrohlich wahrgenommen werden und sie müssen häufig und wiederholt präsentiert werden (im Idealfall unterhalb der Reaktionsschwelle).
Vorsicht, ein Hund kann sich auch an ständig wiederholte Kommandos gewöhnen (erlernte Irrelevanz), wenn diese Kommandos zum stetigen Hintergeräusch werden oder ständig wiederholt werden, ohne dass das entsprechende Verhalten oder eine Konsequenz (hiermit ist nicht STRAFE gemeint!) folgt. Prädestiniert hierfür ist der Rückruf – in meiner Hundeschule legen wir immer besonderen Wert auf einen korrekten und sicheren Rückrufaufbau - ohne gelernte Irrelevanz.

2.      Die Sensibilisierung

Bei einer Sensibilisierung kommt es nicht zu einer Gewöhnung an einen Reiz. Das Individuum hat diesen Reiz als bedrohlich oder gefährlich eingestuft – die Reizantwort wird verstärkt, es kommt eben nicht zur Gewöhnung, sondern meistens zu Angstreaktionen. Auch primär neutrale Reize können in einer als äußerst unangenehmen oder Angst auslösenden Situation so verknüpft werden, dass sie zu übersteigerten Reizantworten führen. Dieser Prozess findet nicht willentlich statt und ist vom Hund selbst nicht zu beeinflussen. Meist liegen erhöhte Erregungslagen vor, so dass das Lernen in solchen Situationen stark eingeschränkt ist. Ein Grund, weshalb ich externe Termine in sehr stressreicher Umgebung (Bahnhof, Zoo, Stadt) in der Welpengruppe, also in den für Sensibilisierung besonders empfindlichen Entwicklungsphasen, vermeide.  Meines Erachtens ist der Hundehalter immer besser beraten, die Gewöhnung an Umgebungsreize ganz individuell für seinen eigenen Welpen in seinem eigenen Alltag in kurzen Einheiten umzusetzen. In einer Welpengruppe ist das Risiko einer Sensibilisierung bei einer Reizüberflutung, die ja bei Terminen im Stadtgebiet schnell vorliegt, sehr hoch und das Training rutscht leicht in den Bereich des „floodings“ ab.

3.      Klassische Konditionierung

Kennen Sie Pawlow? Nobelpreis 1904?
Bei der klassischen Konditionierung kommt es zu einer Assoziation von Auslösereizen mit vom Hund / Lebewesen nicht bewusst zu steuernden Reaktionen (i.d.R. Reflexe) oder Emotionen. Verknüpfungsfördernd wirkt einzig die enge zeitliche Koppelung des vormals neutralen Reizes mit einem angeborenen oder reflexauslösenden Reiz, so dass der ursprünglich neutrale Reiz dann nach einigen Wiederholungen auch den Reflex oder die Emotion auslösen kann. Emotionen können somit ebenfalls klassisch konditioniert werden, auch negative Emotionen! Alle Personen, deren Hunde leinenaggressiv sind, sollten daran denken, dass der Anblick des anderen Hundes nach einigen Wiederholungen zum Auslöser einer extremen negativen Emotion werden kann, wenn die Hunde mit Körperlichkeiten und Strafen für das unangemessene Verhalten „gearbeitet“ werden – „immer, wenn ein anderer Hund kommt, tut es mir weh“…. Die klassische Konditionierung wird schnell verallgemeinert (orts- und situationsungebunden) und läuft ebenfalls nicht bewusst oder gezielt vom Lebewesen steuerbar ab.

4.      Instrumentelle Konditionierung

Die instrumentelle Konditionierung ist eine Art des Lernens, bei welchem das Lebewesen den Verlauf der Situation durch sein bewusst eingesetztes und gesteuertes Verhalten beeinflussen kann, es hat also Handlungsmöglichkeiten. Ein Verhalten kann gezeigt werden, oder auch nicht – dies ist immer abhängig von den Konsequenzen, die das Verhalten bislang hatte. Wer genauer nachlesen will, sehe unter Thorndike oder Skinner  nach.

Was der Hund hierbei lernt, wird nach der Zahl der Wiederholungen und nach der persönlichen Empfindung des Erfolges, welchen die Handlung hatte, gespeichert – bringt die Handlung Vorteile oder hat sie Freude bereitet, so wird der Hund das Verhalten wieder zeigen bzw. die Handlung häufiger ausführen. War die Konsequenz eine negative, so wird das Verhalten seltener gezeigt. Das meiste Lernen bei Hunden findet auf dem Wege der instrumentellen Konditionierung, also über Versuch und Irrtum statt. Wir Menschen können bei unseren Hunden das Verhalten gezielt verändern, indem wir die Folgen, die das Verhalten des Hundes hat, über den Einsatz von Verstärkern oder Strafen beeinflussen.

Eine Belohung ist, wenn wir dem Verhalten des Hundes in engem zeitlichen Zusammenhang:
  • etwas Angenehmes hinzufügen (=positive Verstärkung)  (Leckerli, Zuwendung, Spiel und vieles mehr. Übrigens kann nur der Hund entscheiden, was für ihn belohnend ist, das ist nicht immer deckungsgleich mit dem, was wir denken…)
  • etwas Unangenehmes entfernen (=negative Verstärkung),  der Hund verspürt Erleichterung – dies würde funktionieren, aber wir müssten die Hunde zunächst in eine Situation bringen, die so unangenehm ist, dass über das Auflösen der Situation und negative Verstärkung gearbeitet werden müsste – diese Form der Verstärkung kann nur angewendet werden, wenn der Hund sich vorher sehr schlecht fühlt und ist keine Basis für ein gutes Training und erfolgreiches Lernen (wie z. B. im Constructional Aggression Treatment, was ist wohl die vorherrschende Emotion? Pawlow ist immer mit dabei!)
Eine Bestrafung ist, wenn wir dem Verhalten des Hundes in engem zeitlichen Zusammenhang:
  • etwas Unangenehmes hinzufügen (+ Strafe), z.B. Schimpfen, Schlagen, Zwicken,  Rucken an der Leine, Kneifen etc. (der Hund lernt hierbei NICHT, was er stattdessen tun soll, sondern nur (wenn man Glück hat, lernt er überhaupt, da Lernblockade durch Angst), was er nicht tun soll. Diese Art der Arbeit belastet die Vertrauensbasis stark und ist bei einer guten Bindung des Hundes auch überhaupt nicht nötig – bitte nicht, Strafen können zur Gegenaggression führen, müssen immer stärker werden und Fehler im Timing sind hier fatal!) Es ist schon interessant, mit welchen beschönigenden Begriffen so manche Hundetrainer für den schlichten Einsatz von Aversiva arbeiten, z. B. „Arrete“ für einen Leinenruck oder Begrifflichkeiten wie Harmonie im Zusammenhang mit Kneifen und Zwicken (= Strafe) und negativer Verstärkung (Strafe hört auf)…es ist unglaublich!
  • etwas Angenehmes wegnehmen (- Strafe), z.B. unsere Aufmerksamkeit durch das Ignorieren oder eine Auszeit. Diese Methode funktioniert bei einer guten Beziehung und Bindung sehr gut und kann gezielt eingesetzt werden, ohne körperlich zu werden oder den Hund in Angst zu versetzen.
Die Verstärker müssen jeweils unmittelbar auf das Verhalten folgen, sonst kann der Hund den Zusammenhang nicht erkennen. Im Idealfall schafft man es in einer halben bis einer Sekunde, alles andere kann schon zu spät sein bzw. in zwei Sekunde macht der Hund schon wieder etwas anderes und wir verstärken das falsche Verhalten.

Achtung, diese Art des Lernens findet immer situativ statt, es muss verallgemeinert werden – Hunde lernen immer orts- und situationsbezogen. Deshalb kann einerseits nicht ausgeschlossen werden, dass der Hund etwas, was er in diesem Moment sieht oder hört in das Training mit verknüpft (ist besonders beim Strafeinsatz, z. B. bei Leinenaggression von Bedeutung) und andererseits muss das Trainierte an verschiedenen Orten, zu unterschiedlichen Zeiten und in verschiedenen Situationen wiederholt werden.Weiterhin sind die Ablenkungen im Training nur langsam zu steigern und der Belohnungsrhythmus muss nach der Festigung variiert werden. Wie dies am besten umzusetzen ist, erkläre ich im Basisintensivkurs meiner Hundeschule.

5.      Lernen durch Beobachtung / Nachahmung und durch Stimmungsübertragung

Hierzu wird es in einiger Zeit einen gesonderten Blogeintrag geben.

Was muss also beachtet werden, wenn man effektiv mit Hunden trainieren will?
  • Belohnen Sie das, was Sie sehen möchten, möglichst zeitnah (0,5 bis eine Sekunde).
  • Zeigt Ihr Hund von Ihnen nicht erwünschtes Verhalten, so sollten Sie dies entweder zeitnah neutral korrigieren (Signal wiederholen) oder komplett ignorieren (nicht ansehen, nicht anfassen, nicht ansprechen – besonders wirksam bei Aufmerksamkeit forderndem Verhalten)
  • Bitte vermeiden Sie den Einsatz von Strafen, wer genauer nachlesen möchte, kann dies in meinem Blogarchiv tun – ich habe bereits über Motivation und Strafe geschrieben.
  • Die Ablenkung nur langsam steigern, unterschiedliche Orte, Zeiten und Situationen in das Generalisationsschema einbringen (Ihr Hund kann das Verhalten nur in denjenigen Situationen / Orten ausführen, an welchen Sie es mit ihm gelernt und geübt haben)
  • Die Feinheiten zum Kommandoaufbau (Hörzeichen, Sichtzeichen) und die genaue Technik in einer guten Hundeschule erlernen
  • Denken Sie an die Gewöhnung! Bitte wiederholen Sie die Signale nicht ständig (gelernte Irrelevanz) oder Sie bringen Ihrem Hund so versehentlich bei, dass das Kommando immer erst fünfmal gesagt werden muss, er lernt dies als komplettes Signal….Geben Sie das Kommando nach einer deutlichen Pause (10 Sekunden) erneut und markieren Sie das Nicht-Ausführen des Kommandos zeitnah mit einem „Fehlersignal“ (Basiskurs)
  • Wenn Sie sich sicher sind, dass Ihr Hund sie sowieso nicht wahrnimmt, geben Sie auch keine Signale (Gefahr der Habituation), sondern machen Sie auf sich aufmerksam, ohne Kommandos zu rufen!
  • Wenn der Hund ein Signal nach Beachtung der oben angegebenen Regeln nicht befolgt, so ist er nicht dumm oder hat einen Dickkopf, sondern er hat das Signal vermutlich noch nicht verinnerlicht (zu selten trainiert, Fehler des Hundehalters), die Folge des geforderten Verhaltens war bislang nicht so gut, als dass sie die Motivationslage des Hundes beeinflussen konnte (Belohnungsqualität und -technik an Schwierigkeitsgrad anpassen, Fehler des Hundehalters) oder er kann es im Moment aus körperlichen Gründen nicht ausführen / die Situation lässt es für ihn als Hund nicht zu (z.B. ein geforderter Rückruf, wenn der Hund sich gerade in passiver Demut gegenüber einem anderen Hund befindet).
  • Lassen Sie sich in einer guten Hundeschule zu effektivem Training beraten, es kann so einfach sein!

Kommentare:

  1. Wie lernen Hunde - wie trainiere ich richtig?

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  2. Hallo, Niklaus,
    ich verstehe den Kommentar nicht so ganz, soll er mir etwas sagen?
    Liebe Grüße

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